|
Mit ein paar Freunden waren wir zwei Tage Zelten im Bergischen Land; den Eltern von einem Freund gehört dort ein Häuschen, dass z. T. vermietet ist und zum Teil Ferienwohnung und wir hatten uns im Garten niedergelassen. Als wir ankamen wunderte ich mich darüber, dass er Trockenfutter für Katzen mitgenommen hatte, aber ich musste nicht lange warten, dann wusste ich, warum. Abends füllte er dann eine große Schüssel voll Futter und stellte sie in die Nähe des Hauses. Langsam kamen aus allen Winkeln Katzen auf die Schüssel zu, vom unwiderstehlichen Duft angezogen. Es waren alles erwachsene Katzen und Kater, 7 Wildlinge, alle sehr klein, getigert, scheu und unglaublich mager. Ein roter, unkastrierter Kater löste sich aus der Gruppe und kam schnurstracks auf mich zu und ließ sich schmusen, er war zahm! Er hatte eine verklebte Nase, tränende Augen und kaum Fell auf dem Leib und nur noch einen Eckzahn. Er schnaufte wie eine Dampflock… Mich packte das nackte Entsetzen beim Anblick der Katzengruppe und wollte gleich helfen, vielleicht eine oder zwei mitnehmen, der Rote musste zum Tierarzt… Die Katzen hatten von den Leuten, die dauerhaft in dem Haus wohnten, höchstens mal Essensreste bekommen oder sie durften die Reste aus dem Napf des Berner Sennenhundes kratzen…
Aber alle meine Freunde waren dagegen. Was ist mit den anderen? Du kannst nicht allen Katzen helfen. Bist Du Gott, dass Du Dir eine Katze davon aussuchst? Sie sind hier geboren und sollen auch hier sterben… Die lässt Du mal schön hier!! Ich hatte mich bequatschen lassen, wir hatte natürlich keine Transportkörbe dabei, ich wohnte ja nur in einer 39 m² Wohnung mit kleinem Balkon und hatte ja schon zwei Katzen. Alle konnte ich wirklich nicht mitnehmen…
Der Rote saß immer mit einer Graugetigerten zusammen, die klepperdürr und sehr scheu war und dadurch, dass sie beide Ohrspitzen abgeschnitten hatte und die Augen zusammenkniff, wie ein Puma wirkte. Diese beiden gingen mir einfach nicht aus dem Kopf… auch diese unschuldigen, ängstlichen Augen der Tiere nicht, ich musste doch `was machen!!
Ich bin dann noch mal alleine hingefahren, fest entschlossen wenigstens die beiden mitzunehmen… Der Rote war nicht da, wohl auf Streunertour und das „Öhrchen“ hat mir in kurzer Zeit eine 400 ml Dose und eine Dose Thunfisch weg gefressen, ohne dass ich eine Chance gehabt hätte, sie zu fangen… eine Falle hatte ich ja nicht. Die anderen Tiere sah ich auch erst, als ich ihnen in einiger Entfernung Futter hinstellte. Unverrichteter Dinge musste ich wieder nach Hause fahren und habe die ganze Rückfahrt nur geheult.
Dann sind eine Freundin und ihr Freund für zwei Wochen dort hingefahren. Ich hatte die Freundin ständig bearbeitet, dass man doch helfen muss und nicht wegsehen darf… Besser man hilft erst einmal einer Katze, als gar keiner… Die beiden haben die Tiere die ganze Zeit gefüttert und so sind sie etwas zutraulicher geworden. Als ich dann mit meiner Freundin telefonierte, sagte sie, dass dort noch ein Jungkater dazugekommen wäre und schon wieder zwei kleine Kätzchen (ca. 6 Wochen alt) da waren, beide sterbenskrank, Katzenschnupfen. Die Freundin ist mit den Kleinen zum Tierarzt und sie wurden dann mit Medikamenten behandelt. Der Rote war wohl wieder gesund, jedenfalls hatte er nicht mehr Augen und Nase verklebt. Ich war verzweifelt und hatte den absoluten Hass auf die Leute, die da wohnten!! Wie kann man so mit Tieren umgehen!! Der ansässige Tierschutzverein hatte schon mal eine Kastrationsaktion dort gemacht, aber es waren nicht alle Tiere in die Fallen gegangen, erzählte man mir.
Ein Katzen-Baby ist gestorben, während der zwei Wochen, die meine Freundin und ihr Freund dort waren. Und sie hatte sich so in den Roten verliebt, dass sie ihn mitnehmen wollte und natürlich das andere Baby, das auch inzwischen zahm und gesundheitlich stabil war…
Mein Freund und ich sind dann hingefahren, weil ich es unbedingt mit „Öhrchen“ versuchen wollte… Sie würde ihren besten Freund verlieren und so trauern, dass sie noch mehr leiden musste als so schon, ich konnte gar nicht anders, als sie mitnehmen… Wir haben es dann geschafft, die drei Tiere einzufangen, mit Futter, in das wir Beruhigungstabletten gebröselt hatten, ging es etwas leichter und die Tiere würden die lange Fahrt nicht so sehr mitbekommen. Das scheue „Öhrchen“ hat einige Kerben in unserer Haut hinterlassen, aber es war uns egal. Ich hatte gewonnen, wenn auch nur zu einem kleinen Teil!!! Auch wenn die anderen jetzt sagten, „was hast Du Dir denn da für eine hässliche Kröte ausgesucht, nimm doch eine jüngere, schönere!“ Sie war immer noch recht dürr, das schüttere Fell war ganz borstig und stumpf und der Schwanz sah aus wie der einer Ratte… Mir war das egal, sie hatte mich in ihr Herz sehen lassen, die kleine Pumadame…
Der Rote ist nach etwa drei Monaten an FIP gestorben, die ausgebrochen war, aber diese Zeit hat er noch ein sehr schönes, behütetes Leben gehabt. Vielleicht die einzige Zeit, in der er Liebe und Zuwendung erfahren hat. Das kleine Kätzchen ist sehr oft krank gewesen, immer etwas anderes, einfach ein sehr schlechtes Immunsystem, aber sie ist jetzt wohlauf und eine wunderschöne Tigerin geworden… Die anderen verbliebenen Tiere sind kastriert worden und den Mietern wurde es zur Auflage gemacht, die Katzen zu füttern, sonst Kündigung!! Das wird auch kontrolliert!!
Das „Öhrchen“, das ich mitgenommen hatte, entpuppte sich als kastrierter Kater, der wohl so um die 4 Jahre war und ich habe ihn Wizard genannt, weil er mich mit seinem Pumablick so verzaubert hat. Er hat sich, nachdem ich ein Blutbild machen ließ und er negativ auf alles war, als stubenrein und unglaublich gefräßig entpuppt. Er hatte wohl viel nachzuholen… Da er tätowiert war im verbliebenen Ohr, hatte ich den Tierschutzverein ausfindig gemacht, der die Katzen damals kastrieren ließ. Bei der Kastration sind die Ohren nicht abgeschnitten worden (was ja manchmal üblich ist) und der Tierschutzverein hat von mir deshalb die Auslagen für die Kastration überwiesen bekommen… Er ist wahrscheinlich misshandelt worden, armer Kerl…
Jetzt hatte ich einen Wildling in der Wohnung…
Die ersten Wochen hat er nur unter der Kommode gehockt und uns Menschen und Tiere studiert. Immer wieder habe ich mich ihm angenähert, auf dem Boden liegend, damit ich nicht so entsetzlich groß bin, erst auf drei Meter Entfernung Geschichten erzählt, dann aus einem Meter. Bis er schließlich mit großen, angstvollen Augen den Schinken aus meiner Hand genommen hat. Dann hat er sich berühren lassen, ich konnte ihn nach ca. 6 Wochen streicheln. Zwar war er voller Angst, aber er hat nie geschlagen oder gebissen, nur ist er zusammengezuckt, wenn die Berührung oder Bewegung zu hektisch war. Auf Männer reagierte er völlig panisch, mein Freund hat es noch schwerer gehabt, bis er zu ihm Vertrauen fasste… Wir haben dann zusammen auf dem Boden gelegen, Wizard kam dann nach langem Bitten zu mir zum Schmusen und damit auch zu meinem Freund… Irgendwann war das Eis gebrochen…
Mit den anderen beiden Katzen ging es auch nach etwas Gefauche und kleineren Kämpfen, die aber glimpflich und ohne Verletzungen abgingen. Wir haben den alt eingesessenen Tieren immer das Gefühl gegeben, dass sie uns wichtiger sind, als der „Neue“. Dadurch hat es keine Eifersüchteleien gegeben. Die „Alten“ haben das bekommen, was sie immer bekamen und ein wenig mehr, Wizard kannte Zuwendung ja überhaupt nicht, also konnte er auch nichts vermissen, im Gegenteil, für ihn war es eine Bereicherung, dass er überhaupt jemand etwas bedeutete.
Ich wusste schon, als wir diese „Fangaktion“ gestartet hatten, dass ich eine Wohnung mit Garten haben wollte mit meinem Freund zusammen, wo die Katzen geschützten Auslauf bekommen sollten, sonst wäre ich dieses Wagnis vielleicht nicht eingegangen… Meine (antiken) Möbel mussten als Kratzbaum herhalten, Wizard hat mit Vorliebe auf dem Kleiderschrank geschlafen, der vom Hochspringen total ramponiert ist, weil er die Katzenleiter nicht angenommen hat (war ja zu einfach). Er hat zwar auch darunter gelitten, in meiner Wohnung eingesperrt zu sein, das will ich gar nicht leugnen, aber er hat es warm gehabt, immer lecker Futter, Katzenfreunde und Liebe und Geduld, dadurch ist er zahm geworden (nur zu meinem Freund und mir, wenn er Fremde sieht, wird er panisch und will sofort nach draußen) und hat seine Menschen für immer gefunden… Wir wohnen jetzt noch ländlicher in einer Scheune mit Garten in einer tierfreundlichen Nachbarschaft.
Heute ist er ein stolzer, glücklicher Kerl, der zwar nicht mehr wie ein Puma aussieht, aber dafür einfach nur strahlt vor Glück und Lebensfreude. Eine ganz treue Seele, die sich oft und gerne mit Streicheleinheiten verwöhnen lässt… Wenn er nicht die Öhrchen abgeschnitten hätte, keiner würde uns glauben, dass das die hässliche Kröte ist von damals, denn heute ist er ein richtiger Traumkater, ein Tiger mit Fell wie Seide... Ich habe nie damit gerechnet, dass er mal so wird, wie er ist, ich dachte, er würde so mit den anderen „mitlaufen“ und ich würde ihn nur zum Fressen sehen… Er hat uns so viele Momente des Glücks geschenkt, wir haben so oft in uns hineinlächeln müssen, dass es ihn gibt und er uns vertraut. Ein wunderbares Geschenk ist seine Dankbarkeit und ein Blick aus seinen grünen Augen verzaubert mich noch heute… Wizard, mein Zauberer...
|